Frank Crivellari bei der Talentschmiede 2025. Foto: VKD-Landesverband Baden-Württemberg
Frank Crivellari ist „von Null auf Hundert“ im VKD durchgestartet und führt den Landesverband Baden-Württemberg im konstruktiven Dialog mit dessen Mitgliedern. Neben Community Catering sind Digitalisierung und Migration wichtige Themen, die ihm persönlich am Herzen liegen. Ergänzendes Interview zum Digestif, KÜCHE-Ausgabe Januar/Februar 2026.
Du bist erst seit März Mitglied im VKD, direkt in ein Amt gewählt worden und nur ein halbes Jahr später erster Vorsitzender. Wie fühlt sich das an?
Ehrlich? Es fühlt sich an wie ein Sprint, den ich eigentlich gar nicht laufen wollte. Ich bin ohne große Agenda in den Verband gekommen. Ich wollte einfach schauen, wie hier gearbeitet wird, wo Potenzial liegt, und ob ich irgendwo unterstützen kann. Dass ich so schnell ins Amt gewählt wurde, hat mich überrascht – aber nicht abgeschreckt. Im Gegenteil: Ich hatte das Gefühl, dass viele Mitglieder genau diesen frischen Blick wollten. Jemanden, der nicht schon seit Jahrzehnten im System steckt, sondern der Dinge unvoreingenommen auf den Tisch legt. Also ja: schnell, intensiv, herausfordernd.
Was bedeutet dir dieses Amt persönlich?
Für mich ist es mehr als ein Ehrenamt oder ein Titel. Dieses Amt trägt Verantwortung – für echte Menschen, echte Ausbildungswege, echte Probleme. Ich habe in meinem Berufsleben viele Strukturen gesehen, die wunderbar funktionieren – und mindestens genauso viele, die dringend frischen Wind brauchen. Als Vorsitzender kann ich nicht nur darüber reden, sondern anpacken. Das ist für mich entscheidend.
Warum engagierst du dich so aktiv im Verband?
Weil ich irgendwann aufhören wollte, am Spielfeldrand zu stehen und zuzusehen. Wenn man Veränderung möchte, dann muss man selbst anfangen. Das gilt im Leben wie in der Küche. Nichts verbessert sich von allein. Ich sehe im Verband – gerade in Baden-Württemberg – unfassbar viel Kompetenz, Leidenschaft und Erfahrung. Aber diese Energie muss gemanaged werden. Wir brauchen Strukturen, die bewegen, nicht nur verwalten. Und ich bin bereit, meinen Beitrag zu leisten.
Welche Rolle spielt das Ehrenamt für dich – privat und beruflich?
Ich bin Kind einer Patchwork-, teilweise-Einwanderungsfamilie. Das bedeutet: Meine Eltern mussten sich alles hart erarbeiten. Unterstützung kam nicht automatisch. Ehrenamt ist für mich eine Form der Dankbarkeit. Ein Zurückgeben. Es zeigt mir, wie viel Einfluss wir als Einzelne haben können, wenn wir uns bewegen. Beruflich ist es für mich ein Zeichen moderner Führung. Wer ehrenamtlich arbeitet, führt nicht über Titel, sondern über Motivation, Überzeugung und Gemeinschaft. Das ist für mich die ehrlichste Form von Leadership.
Migration ist dir ein Herzensanliegen. Warum?
Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, was Migration bedeutet: Chancen, die man nutzen muss – und Hürden, die man alleine kaum überwinden kann. Die Gastronomie war und ist schon immer ein Ankerpunkt für Menschen mit Migrationsgeschichte. Für viele Einwanderer war und ist sie die erste Branche, die ihnen eine echte Chance gegeben hat – manchmal die einzige. Das ist Segen und Stresstest zugleich. Ich möchte Menschen sichtbar machen, die sich aus schwierigen Startpunkten zu Führungspersönlichkeiten entwickelt haben. Die zeigen: Talent ist nicht an Herkunft gebunden. Und ich möchte die Pain-Points nicht romantisieren, sondern ehrlich benennen: Sprache, Anerkennung von Kompetenzen, fehlende Netzwerke, kulturelle Missverständnisse und Systemhürden, die niemand absichtlich gebaut hat, die aber trotzdem reale Folgen haben. Migration ist kein Problem. Migration ist Chance – wenn wir bereit sind, Strukturen weiterzuentwickeln. Und da sehe ich den VKD ganz klar in der Verantwortung.
Wie bekommt man als Berufstätiger Job, Familie und Verband unter einen Hut?
Kurz gesagt: Gar nicht. Zumindest nicht jeden Tag perfekt. Man jongliert. Man priorisiert. Man lässt auch mal Dinge liegen. Und manchmal denkt man sich: „Heute hätte der Tag drei Stunden länger sein dürfen.“ Ich arbeite viel, ich habe Familie, ich engagiere mich – aber ich habe auch ein Team, das Verantwortung trägt. Und ich setze auf Strukturen, die mir helfen, effizient zu bleiben: digitale Tools, klare Rollen, offene Kommunikation.
Corona hat viele Strukturen im Verband zerstört. Wie gehst du damit um?
Corona hat uns Strukturen gekostet, die über Jahre aufgebaut wurden. Initiativen, Wettbewerbe, Netzwerke – vieles ist einfach implodiert. Aber: Ich glaube nicht daran, dass wir die alten Strukturen wiederbeleben müssen. Das wäre wie eine nostalgische Reanimation. Wir sollten stattdessen neu denken: moderner, flexibler, digitaler, näher an der Lebensrealität junger Menschen. Es wird eine Mammutaufgabe, keine Frage. Aber sie ist notwendig. Und sie bietet auch eine Chance: Wir dürfen unsere Branche neu definieren.
Was ist deine Vision für den Kochberuf?
Ich möchte, dass junge Menschen wieder sagen: „Ich will Koch werden“ – und zwar nicht, weil sie keine Alternativen sehen, sondern weil sie diesen Beruf als etwas Besonderes wahrnehmen. Der Kochberuf ist kreativ, kulturell, handwerklich, international und emotional. Diese Mischung ist einzigartig. Und ich bin überzeugt: Gute handwerkliche Qualität muss wieder ihren Preis haben. Nicht im Sinne von Luxus für wenige, sondern im Sinne von Wertschätzung für alle, die täglich herausragende Arbeit leisten. Wir müssen endlich offen darüber sprechen, dass Qualität kostet. Und dass sie es wert ist.
Welche Rolle spielen Innovation und Technologie für dich?
Eine riesige. Besonders in der Gemeinschaftsverpflegung. Wir reden hier über Ernährung im Alltag von Millionen Menschen – Kinder, Seniorinnen und Senioren, Beschäftigte in Betrieben. Essen, das täglich Kraft, Gesundheit und Lebensqualität beeinflusst. Innovative Produkte, technologisch durchdachte Prozesse und moderne Produktionsmethoden sind hier kein „Nice-to-have“, sondern ein gesellschaftlicher Beitrag. Wir können mit guten Lösungen dafür sorgen, dass gesundes Essen bezahlbar bleibt – und trotzdem Qualität hat.
Warum liegt dir das Community Catering so am Herzen?
Weil es die unterschätzte Champions League der Branche ist. Wer glaubt, Gemeinschaftsverpflegung sei weniger anspruchsvoll, hat noch nie eine Großküche im Peak gesehen. Da passieren Spitzenleistungen – nur ohne Applaus und Sternebewertung. Ich möchte das ändern. Ich will Formate schaffen, die Community Catering ins Rampenlicht stellen: Wettbewerbe, Awards, Ausbildungsinitiativen. Diese Kolleginnen und Kollegen prägen die Esskultur unseres Landes mindestens genauso stark wie die Individualgastronomie – nur sieht es keiner. Das muss sich ändern.
Welche Projekte stehen im Landesverband als Nächstes an?
Wir haben viel vor – und das meine ich wörtlich: Die Talentschmiede 2026, unser kulinarisches Flaggschiff, haben wir mit modernem Konzept bereits erfolgreich umgesetzt. Außerdem wollen wir Ausbildungsqualität in der Region sichtbarer machen, das Community Catering neu positionieren, die Digitalisierung im Landesverband vorantreiben, neue Partnerschaften mit Playern der Branche eingehen und uns den Themen Migration und Diversity widmen. Das neue Team arbeitet unglaublich motiviert. Wir sind ständig in einem konstruktiven Dialog. Dieses Gefühl, gemeinsam etwas aufzubauen, treibt mich an.
Dies ist ein ergänzendes Interview zum „Digestif“der Ausgabe Januar/Februar 2026 von KÜCHE. Das ganze Magazin können VKD-Mitglieder hier online lesen.